Ankündigung 10. #BibChatDE am 08.01.2018

Die Medienauswahl in Bibliotheken ist immer mal wieder Anlass für Diskussionen, die teilweise sehr leidenschaftlich geführt werden. Sei es, dass bestimmte Titel vermisst werden oder Anschaffungen für nicht geeignet gehalten werden. Die aktuellste Debatte findet zurzeit in Potsdam statt. In den Potsdamer Neuesten Nachrichten vom 27. Dezember 2017 kritisiert PNN-Redakteur Henri Kramer das Angebot rechtspopulistischer Bücher in der Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek. Er schreibt: „… muss in einer Stadt, die sich bundesweit als Modellkommune im Kampf gegen den Rechtsextremismus versteht, die wichtigste Bibliothek tatsächlich Publikationen aus neurechten Verlagen anschaffen und diesen damit noch eine zusätzliche Bühne bieten, als wären solchen Bücher eine Normalität?…“ (zum Kommentar). Die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam verweist auf das ethische Selbstverständnis von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in Deutschland. So hat die Dachorganisation der Bibliotheks- und Informationsverbände in Deutschland (Bibliothek & Information Deutschland e.V.) im Oktober 2017 die ethischen Grundsätze für ihre Mitglieder aktualisiert. Darin heißt es unter 1. Zugang zu und Vermittlung von Information, Absatz 2

Wir setzen uns für die freie Meinungsbildung, für Pluralität und für den freien Fluss von Informationen ein, da der ungehinderte Zugang zu Informationen essentiell ist für demokratische Gesellschaften. Eine Zensur von Inhalten lehnen wir ab.

Weiter heißt es unter 2.2 zum Verhältnis zu Unterhaltsträgern:

„Wir betonen die fachliche und inhaltliche Unabhängigkeit der bibliothekarischen Arbeit von politisch motivierter oder anderer sachfremder Einflussnahme.“

Das Thema beschäftigt Bibliotheken in allen Ländern der Welt. Zwischen 2010 und 2012 hat die IFLA einen internationalen Ethikkodex erarbeitet. Dieser steht in einigen Übersetzungen zur Verfügung (hierzu mehr unter: IFLA Code of Ethics).

Aber können Bibliotheken überhaupt „neutral“ handeln? Wie frei sind wir tatsächlich bei der Angebotsgestaltung? Professor Hermann Rösch (TH Köln, jahrelanges Mitglied der IFLA-AG FAIFE (Committee on Freedom of Access to Information and Freedom of Expression)) äußerte sich dazu folgendermaßen:

„Bibliotheken aber haben keine Wahl: Sie müssen den Informationsauftrag in der demokratischen Gesellschaft wahrnehmen. Sie müssen Klarheit darüber schaffen, welche informationsethischen Grundsätze sie ihrer Arbeit zugrunde legen und in welchen Fällen mit Einschränkungen des ungehinderten Zugangs zu Informationsangeboten über Bibliotheken zu rechnen ist.“

Im ersten Bibchat in 2018 möchten wir mit euch diesen schwierigen Auftrag näher beleuchten und über die Grenzen der Neutralität im Alltag der Einrichtung Bibliothek sprechen. Eure Frage lautete: Wie politisch (neutral) sollen/dürfen Bibliotheken sein?

Folgende Fragen möchten wir als Diskussionsgrundlage in die Runde geben:

  • F1 Wie gewährleistet Ihr fachliche und inhaltliche Unabhängigkeit in der Praxis?
  • F2 Ist Euch schon mal politisch motivierte Einflussnahme begegnet?
  • F3 Habt Ihr Beispiele für Titel, die in Eurer Bibliothek bewusst nicht stehen und aus welchen Gründen kam es dazu?
  • F4 Können die selben Ethikregeln für alle Bibliothekstypen und –größen gleichermaßen gelten?
  • F5 Werden Bibliotheken den Ansprüchen des IFLA Ethikkodex in der Praxis gerecht?
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Vorgemerkt von Dirk Ehlen. Permanenter Link des Eintrags.

Über Dirk Ehlen

Hallo, mein Name ist Dirk Ehlen. Ich habe an der FH Köln den Bachelor in Bibliothekswesen gemacht und direkt danach bei der Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken in NRW angefangen. Ich beschäftige mich vor allem mit digitalen Angeboten Öffentlicher Bibliotheken und wie diese an die Besucher vermittelt werden können. Ich bin außerdem auf den Social Media Kanälen der Fachstelle aktiv. Im Rahmen meiner Tätigkeit lasse ich mir keine Gelegenheit entgehen, um über Bibliotheken und deren Rolle und Bedeutung in der Gegenwart und der Zukunf zu sprechen. Ich freue mich deshalb auf das Experiment #BIBChatDE. Auf Twitter findet man mich unter @dirk_ehlen oder unter dem Account der Fachstelle als @oebib_nrw.

3 Gedanken zu „Ankündigung 10. #BibChatDE am 08.01.2018

  1. Lieber Herr Ehlen,

    die Idee, SocialMedia für bibliothekspolitische Diskussionen zu nutzen, finde ich lobenswert und das anstehende Thema höchst spannend! Ich habe keinen Twitter-Account und möchte mir auch keinen zulegen, deshalb kann ich auf diesem Wege leider nicht an der Diskussion teilnehmen. Welchen anderen Weg gibt es?
    Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie die Diskussion verläuft. Mich würde interessieren, wie BerufskollegInnen den Begriff „Meinungsfreiheit“ defnieren – sofern dies überhaupt geschieht. Wie ich bereits in einer Forendiskussion (ForumOeb) vor längerer Zeit geschrieben habe, scheinen viele (nicht nur BibliothekarInnen, das Problem ist in der ganzen Bevölkerung, inkl. Medien und Politik virulent) nicht zwischen der Freiheit von Meinung und der Freiheit von Fakten/Behauptungen unterscheiden zu können.
    Ich bin hiermit also eigentlich schon mitten in der Diskussion, deshalb „Schluss“, um nicht vorgreifen zu wollen.

    Viele Grüße

    • Lieber Herr Spieler, vielen Dank für Ihren Kommentar. Sehr gerne können Sie sich auch außerhalb von Twitter zum Thema äußern. Wenn Sie z.B. einen Blogbeitrag schreiben, kann ich sehr gerne darauf verweisen. Die Diskussionsrunde am Montag ist leider nur in einer Stunde auf Twitter aktiv. Vielleicht können wir das Thema so noch etwas weiterführen. Es sind einige aktive Twitterer, die selbst auch bloggen.
      Ich würde mich freuen, mehr von Ihnen zu lesen.

      Beste Grüße
      Dirk Ehlen

      (PS: Bitte entschuldigen Sie die späte Rückmeldung)

  2. Lieber Herr Ehlen,
    dann nehme ich Ihre Einladung gerne an…
    Zur Überschriften-Frage: „Wie politisch (neutral) sollen/dürfen Bibliotheken sein?“
    Da kein Mensch „neutral“ ist, kann es der Bestand nie zu 100% sein. Aber ich kann vieles tolerieren und auch mal über meinen eigenen Schatten springen. Durch Auswahl (mangels Budget, ALLES zu kaufen) setze ich gewollt wie ungewollt Schwerpunkte. ÖB und WB haben unterschiedliche Verantwortung und Zwecke, eine ÖB muss sich vermutlich eher rechtfertigen, eine WB kann und soll mit derm Forschungsauftrag argumentieren.
    F2: Nein, aber es gibt schon mal die „Wieso haben Sie….?“-Frage. Gerade erst vor wenigen Wochen vom Leiter einer anderen städt. Institution, das war aber keine politische Einflussnahme! Es ging um „Finis Germania“ – ich hatte es glücklicherweise gelesen, meine Chefin wollte meine Meinung hören und las es dann selbst. Es ist weiterhin im Bestand.
    F3: Da gibt es eine ganze Menge, an die ich mich aber nicht immer erinnere. Meistens kommen sie als Leserwünsche, weil sie im ID nicht angezeigt werden, z.B. Titel aus dem Kopp-Verlag. Ganz bewusst habe ich mich gegen das Jahrbuch von Wisnewski: „verheimlicht, vertuscht, vergessen“ entschieden, das ich mir genauer angeschaut habe und an vielen Stellen voller leicht widerlegbarer Fake-News ist (in meinen Augen, natürlich, Kritiker werden meine Belege widerrum als „Fake“ bezeichnen…). Als ich mein Lektoratsgebiet übernommen habe, habe ich etliche Titel aus dem Kopp-Verlag entfernt, aber nicht alle. Nie habe ich mir die Entscheidung leicht gemacht. Schwer im Magen liegen mir einige Esoterik-Titel. Die Spannweite ist gewaltig. Jene, die über die STO der ekz kommen sind absolut unkritisch und verdienen das Label meist gar nicht. Andere gehören definitiv in den Bereich „Fake“ – und ich benutze den Begriff nicht für Glaubensfragen oder Weltanschauungen, sondern für überprüfbare und wissenschaftlich falsche Darstellungen.
    F5: Mit Sicherheit kann kaum eine Bibliothek von sich behaupten, sämtliche Ethik-Richtlinen einzuhalten! Die jüngst in BuB 11/2017 publizierten Regeln des BID sind (glaub ich) noch schärfer. Gut so, wir sind nicht perfekt, aber wir sollten daran arbeiten!

    Viel Spaß morgen und eine fruchtbare Debatte!
    Herzlichst
    Martin Spieler

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