Citizen Science in Bibliotheken – Rückblick auf den 51. BibChatDe

Wie viel Bürgerwissenschaft steckt heute in den Bibliotheken?, fragten wir in der Ankündigung für den 51. BibChat, der am 7. Juni 2021 stattfand. Mehr als wir ahnen, behaupteten wir im SLUBlog kurz zuvor. Es blieb trotzdem spannend. Moderation: Jens Bemme und Martin Munke (SLUB Dresden) sowie Marlene Neumann (BibChatDE).

Der folgende Rückblick auf den Twitterchat hält in einer Auswahl von Tweets schlaglichtartig Ansätze und Entwicklung des Arbeits- und Wirkungsfeldes Citizen Science in Bibliotheken fest – als Einstieg in die Gespräche, denn BibChats sind kurzweilig, werden aber schnell unübersichtlich. Ein Ziel der Gastmoderatoren war es, das Thema Citizen Science sichtbar zu machen. Abschlussarbeiten und andere Veröffentlichungen, die unlängst entstanden und derzeit entstehen, analysieren Citizen Science mit Blick auf öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken. Im Idealfall werden diese Arbeiten offen publiziert und stoßen noch mehr Gespräche an – über Menschen in Bibliotheken, Bürgerinnen und Bürger, die forschen. Die Fragen des Chats dienen hier als Gliederung. Der Chatverlauf kann mit dem Twitterhashtag #BibChatDe nachvollzogen werden.

Wer forscht in deiner Bibliothek? Zu welchen Themen oder Fragen

  • @AntjeTheise: … Landes- und Stadtforscher, Genealogen, Volkskundler, Vereinsforscher mit Familienpapieren, Karten, Fotos, graphischem Material, Drucken und Archivalien
  • @BlechmannDag: Seit wir (Stadtbibliothek) mit dem Stadtarchiv zusammen in ein Haus gezogen sind: Heimatforschung und regionale Geschichte, Familienforschung; viele Schülerprojekte
  • @niggegraf: … auch immer wieder Forschungsinteressen zu Dampfeisenbahn, Dampfschiffen, Kartographie, viele technische Themen von Alumni der ETH oder Technikinteressenten, geht oft Hand in Hand mit den Bildbeschreibungen

Potentiell suchen, erfragen, recherchieren und finden – hoffentlich – alle NutzerInnen Antworten und Lösungen in Bibliotheken. Ihre privaten und beruflichen Hintergründe sind sehr unterschiedlich. Methodisch wissenschaftlich arbeiten nicht alle, ihr Wissen geht in manchen Themenfeldern und speziellen Nischen aber oft weit über dasjenige der BibliotheksmitarbeiterInnen hinaus. Voneinander lernen geht also in beiden Richtungen, wenn die Bereitschaft dafür da ist.

Welche Citizen Science-Projekte kennst Du?

Die Citizen Science-Plattformen in DeutschlandÖsterreich und der Schweiz bieten umfangreich Informationen von Citizen Science-Projekten, über Forschung- und Evaluationsmethoden, Kontakt zu regionalen Arbeitsgruppen und Gelegenheiten Netzwerke und Wissenstransfer zu pflegen.

Welche Anliegen und Bedarfe formulieren forschende Bürger*innen?

  • @AntjeTheise: Forschende Bürger*innen fragen nach Fotomaterial zu historischen Gebäuden, alten Stadtansichten, Karten, Materialien zu regionalen Persönlichkeiten und Familien, nach Geschichtsquellen zu Vereinen, Uni-Institutionen, vergangenen Forscher*innen …
  • @m_munke: Hilfe beim Auffinden von Literatur und (zusätzlichen) Quellen, mehr Digitalisate, Publikationsmöglichkeiten, Unterstützung bei Transkriptionen – neben individueller Beratung geht es unsererseits dann viel um „Hilfe zur Selbsthilfe“, Schulungen, …
  • @niggegraf: Sie möchten meist noch Hintergrundinfos zu Dokumenten, z.B. Rückseiten von Fotografien

Hier unterscheiden sich Bürgerforschende erstmal gar nicht so sehr von sonstigen NutzerInnen – oder?

Wie können Bibliotheken Bürgerforschung unterstützen? Was funktioniert schon gut?

  • @niggegraf: Digitalisierte Quellen gut aufbereitet und auffindbar hat der ganzen Sache natürlich einen Riesenschub gegeben…
  • @marlene_n: Öffentliche Bibliotheken sind wohl eher Vermittler für #Bürgerforschung; unterstützen bei der Recherche und verweisen auf spezialisierte Bibliotheken, Sammlungen und Archive.
  • @AntjeTheise: Zugänglichkeit und Vermittlung, analog wie digital. Meist hapert es schon am barrierefreien Zugang zu den Sammlungen, leider …
  • @jeb_140: Sichtbar sein: mit eigenen Themen, Projekten, Ressourcen, Angeboten, Geschichten & Fragen, um gefunden zu werden; #MenschenInBibliotheken: Selbst was forschen!
  • @TabeaKlaus: Ich denke, dass insbesondere ÖBs hier das Potential von Citizen Science noch nicht nutzen. In den USA sind die Public Libraries deutlich aktiver.
  • @Lambo: I think our friends from @LIBEReurope have similar questions in mind (and maybe a few answers??) …

Profitiert bibliothekarische Arbeit von Citizen Science?

  • @niggegraf: Mein Jobprofil hat sich dank #Crowdsourcing stark verändert, in positive Richtung, noch „kundenzentrierter“, noch bedarfsorientiertere Quellenbereitstellung, und natürlich viel tolles Feedback generell bis hin zum Testen neuer Applikationen durch die Freiwilligen
  • @m_munke: Wir an der @SLUBdresden / bei @saxorum profitieren an vielen Stellen von #CitizenScience: Unsere Bestände werden genutzt und werden sichtbarer, unsere Metadaten erfahren Kritik und Verbesserung, neue Netzwerke und Kooperationen entstehen, …
  • @Antje Theise: Ich empfinde #CitizenScience als absolute Bereicherung, an Unis gerne unter #ThirdMission genannt. Auch @codingdavinci gehört für mich dazu und ist m.E. modellhaft

Offene bzw. öffentliche Wissensressourcen und Wissensinfrastrukturen sind grundlegend wichtig für Schul- und Weiterbildung, Forschung, Wissenstransfer und gesellschaftliche Innovationen – erst recht in lokalen Gemeinschaften. Technisch und methodisch wird es immer einfacher, auch lokales Spezialwissen überregional zu verknüpfen und kollaborativ anzureichern. Zusammen mit anderen Bildungsträgern können Bibliotheken diese Wissensarbeit fördern. BibliotheksmitarbeiterInnen, die selbst forschen, um Wissen zu schaffen, zusätzliche Zugänge zu Wissen zu eröffnen und zu vereinfachen, können forschende BürgerInnen gut beraten. In solchen Doppelrollen liegen besondere Chancen für die Bürgerwissenschaften in und mit Bibliotheken.

Ist Bürgerforschung in Bibliotheken überhaupt eine kommunale Aufgabe?

  • @marlene_n: Ist #Bürgerforschung in #Bibliotheken überhaupt eine kommunale Aufgabe? Gute Frage. Zumindest als Vermittler spielt die Öffentliche Bibliothek eine Rolle.
  • @GereonKalkuhl: Wer bestimmt, was eine kommunale Aufgabe ist und was nicht? Die Definition der kommunalen Aufgabe von Bibliotheken sollte mit Hilfe der Bibliotheken definiert werden. Und wenn diese z.B. #CitizenScience zu ihren Aufgaben zählen, dann ist CS eine kommunale Aufgabe.
  • @UrsulaGeorgy: Aber lasst sie auch für Bibliotheken und neue Dienstleistungen forschen. Bibliotheken müssen auch für sich stärker die Potenziale ihrer Kund*innen nutzen im Sinne von Open Innovation
  • @jeb_140: Warum nicht? In #CitizenScienceCity*ies kooperieren Rathaus (Stabstelle #CitizenScience?) GLAM, Unis, Volks*hochschulen, Vereine… ‚Stadt der Wissenschaft‘, aber weitergedacht als Stadtentwicklungsstrategie mit Bürgerinnen, die selbst forschen …
  • @niggegraf: Bibliotheken haben schon immer Bürgerforschung unterstützt, dank der Digitalisierung sind die Möglichkeiten noch stark gewachsen, die Vernetzung, auch jetzt dank Videokonferenzen hat nochmals zugenommen, z.B. Wikipedia-Schreibateliers aus D-A-CH …

Ähnlich wie für wissenschaftliche stellt sich für öffentliche Bibliotheken die Frage, ob und wenn ja wie (stark) sie sich im Bereich Citizen Science engagieren können und wollen. Der Ansatz ist dabei in jedem Fall ein anderer, ist doch der eigene Bestand weniger “forschungsfähig” – und soll es auch gar nicht sein. Aber Methodenvermittlung, Schulung und Unterstützung bei der Recherche spielen hier ebenso eine Rolle. Citizen Science bietet für öffentliche Bibliotheken eine Möglichkeit, Kompetenzvermittlung im digitalen Zeitalter neu zu denken.

Was möchtest Du noch über Citizen Science wissen?

  • @marlene_n: Wirklich sehr spannender Austausch hier. Ist der Stellenwert von #Bürgerforschung in wissenschaftlichen #Bibliotheken über die Jahre gestiegen? Gibt es zusätzliche personelle Ressourcen dafür?
  • @lambo: Mein Eindruck: Das Potential, dass das Thema für uns hat, wird (sowohl ÖB als auch WB) in DE eben erst so entdeckt. Wie @UrsulaGeorgy gerade schon antippte, fehlt vermutlich noch ein bisschen Vernetzung / Professionalisierung dazu?
  • @niggegraf: … alle wollen CS machen, wenige machen es systematisch. Dazu gehört: 1) Community Aufbau, nicht immer evident, 2) Community Management, nicht zu unterschätzen, das frisst viele Ressourcen, dranbleiben, sonst sind die Freiwilligen schnell weg
  • @jeb_140: Ich wüsste gern was erforscht Ihr zuweilen? #MenschenInBibliotheken: Was sind Deine Forschungsthemen und -fragen?

Ein Fazit

Wir könnten mehr Gespräche über Citizen Science gebrauchen. Die Frage ist ja nicht, ob Menschen in Bibliotheken forschen. Vielmehr: Wie gehen wir damit um? Wieviel Forschung gehört zum Selbstbild der Menschen, die in Bibliotheken arbeiten? Begriffe wie Bürgerwissenschaften und Citizen Science sind längst nicht fest geprägt im deutschen Sprachraum. Sie werden nun häufiger genutzt, auch für Aktivitäten, die schon immer zur Benutzung einer Bibliothek gehören. Aber die Begriffe bedeuten im Detail noch nicht viel, sie bleiben abstrakt oder diffus, im ungünstigsten Fall Modewörter: “Buzzword-Bingo”. Das können wir ändern.

Beim BibChatDe am 7. Juni 2021 waren Bibliotheken aus der Schweiz stark vertreten. Die Gemeinsamkeiten von Citizen Science und Crowdsourcing schienen dabei auf. Und Kooperationen werden noch wichtiger, da sich die Rolle derjenigen, die in Bibliotheken arbeiten, verändert, wenn Expertise von Nutzerinnen und Nutzern wechselseitig und systematischer als zuvor in die Wissensproduktion an Bibliotheken einbezogen wird: Erfahrungsaustausch untereinander, Lösungen und gemeinsame Projekte – lokal, regional und international. Im Weißbuch-Prozess der Citizen Science-Plattform Bürger Schaffen Wissen sind Bibliotheken erstmals direkt erwähnt und vertreten. So entsteht ein weiterer Ausgangspunkt, um das Thema im politischen Raum und in unseren Institutionen strukturell zu verankern. Es bleibt nicht zuletzt noch eine grundsätzliche Frage: Sollen Anstöße für Citizen Science in Organisationen Bottom up oder Top down wirken? Ausgehend von forschenden BibliothekarInnen, oder ausgehend von Bibliotheksleitungen, die an solcher Forschung interessiert sind? Ein verbindender Ansatz für beide Strategien wäre zu fragen: Wer forscht bereits an welchen Themen in unserer Bibliothek? Wie funktionieren hier individuelle Forschungsprozesse – die der MitarbeiterInnen (dienstlich oder privat) und die der Nutzenden? Was benötigen sie, um zu helfen oder um sich gegenseitig gut zu beraten?

Zum Weiterlesen

Literatur

  • SciStarter, Arizona State University: The Library & Community Guide to Citizen Science (PDF), 2020.
  • Eva Bunge: Wie viel Naturwissenschaft braucht die Bibliothek?
    Scientific Literacy und Citizen Science in Öffentlichen Bibliotheken, DOI: 10.18452/20190, Bock + Herchen Verlag, 2019.
  • Martin Munke, Jens Bemme: Citizen Science: Chancen und Herausforderungen für wissenschaftliche Bibliotheken, in: Bibliotheken: Wegweiser in die Zukunft – Projekte und Beispiele, 2021, (Q107073466), vorab erschienen in: open password: Teil1Teil 2, 2020.
  • Jens Bemme, Martin Munke: Open Citizen Science: Leitbild für kuratorische Praktiken in Wissenschaftlichen Bibliotheken, DOI: 10.1515/9783110673722-013, De Gruyter, 2020.
  • Sona Zoé: Geisteswissenschaftliche Citizen Science-Projekte mit Open Data-Ansatz in deutschen Gedächtnisinstitutionen, DOI: 10.18452/22526, Humboldt-Universität zu Berlin, 2021.

Weitere Ressourcen

Ankündigung 51. #BibChatDE: Wie viel Bürgerwissenschaft steckt heute in den Bibliotheken?

Wir laden euch zu einem Spezial-BibChat mit Jens Bemme und Martin Munke rund um das Thema Citizen Science ein. Er findet am Montag, den 7. Juni 2021 von 20 bis 21 Uhr statt.

Bürgerinnen und Bürger forschen, schon immer. Mit und in privaten Sammlungen und insbesondere in Bibliotheken: in analogen, in digitalen, in kommunalen und in wissenschaftsnahen – in Hochschul-, in Universitäts-, in Landes-, in Nationalbibliotheken und anderen. Wird Bürgerwissenschaft noch unterschätzt? Wieviel Citizen Science gibt es in unseren Bibliotheken?

Über folgende Fragen werden wir sprechen:

  1. Wer forscht in deiner Bibliothek? Zu welchen Themen oder Fragen? (20:05 Uhr)
  2. Welche #CitizenScience-Projekte kennst Du? (20:15 Uhr)
  3. Welche Anliegen und Bedarfe formulieren forschende Bürger*innen? (20:25 Uhr)
  4. Wie können Bibliotheken Bürgerforschung unterstützen? Was funktioniert schon gut? (20:35 Uhr)
  5. Profitiert bibliothekarische Arbeit von Citizen Science? (20:40 Uhr)
  6. Ist Bürgerforschung in Bibliotheken überhaupt eine kommunale Aufgabe? (20:45 Uhr)
  7. Was möchtest Du noch über #CitizenScience wissen? (20:50 Uhr)

Gerne könnt ihr eure Antworten über Tweetdeck vorplanen, falls ihr am BibChat-Abend verhindert sein solltet.

Die folgende Zusammenstellung bietet einen Einstieg in die Diskussion:

Gastmoderatoren:

Jens Bemme arbeitet im Bereich Landeskunde und Citizen Science der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (Saxorum, Referat Saxonica). Er forscht zu historischem Radfahrerwissen um 1900 und erschließt Die Gartenlaube in Wikisource und Wikidata mit dem Citizen Science-Projekt Die Datenlaube.
Twitter: @jeb_140

Martin Munke ist Historiker und leitet seit Juli 2016 das Saxonica-Referat an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Er forscht und schreibt zur sächsischen Landesgeschichte und zu Beziehungsgeschichte(n) in Ostmitteleuropa vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, zur digitalen Landeskunde und zu Citizen Science in wissenschaftlichen Bibliotheken.
Twitter: @m_munke